IDL Zyklus III

International Dance Laboratory 1999/2000

SPUREN DER EINSAMKEIT
Individuum versus Kollektiv

Im dritten Teil das "Einsamkeiten Zyklus" 1999/2000 wagte sich Gül Gürses mit TransChance I und TransChance II auf neues Terrain.
In Wien, Istanbul und Braunschweig wurden Performances zum Thema Geschlechteridentität erarbeitet und gezeigt. In Istanbul erforschte das Projekt-Team des Theater des Augenblicks gemeinsam mit einer kulturellen Organisation von türkischen Lesben, Schwulen und Transgender-Personen die Geschichte und Gegenwart der Geschlechteridentität. An der Performance TransChance in Istanbul nahmen neben dem Team des Theater des Augenblicks vor allem türkische LaiendarstellerInnen teil. Bereichert um diese Erfahrung arbeiteten die PerformerInnen an der Entwicklung einer Aktion in Wien, wo im März 1999 die Aufführungsreihe TransChance I stattfand. Den Hintergrund bildeten dabei Video-Aufnahmen mit den AktivistInnen einer türkischen Gender-group, auf die die DarstellerInnen in einem interaktiven Spiel Bezug nahmen.

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TransChance I
TransChance - Gender is (a) performance

Istanbul war eine Metapher
Im Mittelpunkt steht die Hinterfragung der dualistisch aufgefassten Geschlechtsidentitäten. Die Forschungsarbeiten zu dem wohl brisantesten Aspekt der Thematik, dem Verhältnis zwischen Individuum und Kollektiv, führten uns nach Istanbul.

Diese Performance dokumentiert diese Reise. Den Hintergrund bildeten dabei Video-Aufnahmen mit AktivistInnen einer türkischen Gender-Group, auf die die DarstellerInnen in einem interaktiven Spiel Bezug nahmen.

Premiere: 17. März 1999, Theater des Augenblicks
Weiter Aufführung: 18. – 21. März 1999, TdA

Künstlerische Gesamtleitung: Gül Gürses
Übersetzung: Hakan Gürses
Regie: Gül Gürses, Jörg Weber
Text: Ensemble und andere

PerformerInnen: Anna Dworak, Diane Torr
Sprecherin: Sabina Holzer
Virtuelle Gäste aus Istanbul: Ceyhan Fırat, Füsun Kortel, Şevval Kılıç, Demet Demir, Ayşe Dodanlı, Engin Alkan, Yiğithan Yenicioğlu

Kamera: Karl-Roland Heinrichsberger
Schnitt: Christof Dydak
Technik: Andreas Pamperl, Willi Wysoudil

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Symposium: Transidentität im Vergleich der Kulturen Österreich - Türkei – Indien
29.-30. Oktober 1999, TdA, Wien

Die Mitwirkenden: Hakan Gürses (Identitäten: mit oder ohne Kern?), Sandra Schranz, Heike Keusch (Transidentität im Vergleich der Kulturen Österreich), Yiğithan Yenicioğlu (Transidentität im Vergleich der Kulturen Türkei), Şevval Kılıç (Transidentität im Vergleich der Kulturen Türkei), Dr. Traude Pillai-Vetschera (Transidentität im Vergleich der Kulturen Indien - Hijras), Deepah Krishnan (Transidentität im Vergleich der Kulturen Indien: Mein Leben mit den Hijras: persönaliche Erfahrungen), Meena Venkatesh (Transidentität im Vergleich der Kulturen Indien, Anwesend auf Video).

Identität wurde in den letzten Jahrzehnten zu einem Stichwort, das in Medien ebenso oft verwendet wird wie in öffentlich-politischen Diskussionen und sozialwissenschaftlichen Debatten. Zweifellos hängt dieser Umstand einerseits mit dem allseits konstatierten "ethnic revival" im Zuge der Globalisierungsprozesse zusammen, andererseits mit den seit den 60er Jahren zu beobachtenden ,,Neuen sozialen Bewegungen".
Im Rahmen dieser sozialen und theoretischen Entwicklungen wurde die Identität oft als ein Januskopf beschrieben, da sie zwar bei der politischen Durchsetzung emanzipatorischer Ziele eine wichtige Rolle spielt, aber aufgrund ihrer mobilisierenden Kraft im Dienste eines (etwa ethnischen oder nationalen) Kollektivs als einschränkend bis gefährlich bewertet wird.

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TransChance II – turning talks
ravens lonely unsociable creature sit croaking in trees
and their unmelodioud call sounds over the childless
without universal mistakes the world will die
mistakes show the right way to do
things which stop a loveless society in its rush to the exit of death
I want to deconstruct in order to construct
my screaming has an obvious effect
I make people feel immeasurable anxiety
and the fear that lives in us all
without screaming they don´t notice this in themselves at all they drown their pervading fear in well orderd life

Textfragmente des autistischen Dichters Birger Sellin bilden eine szenische Collage.

Übertretungsprozesse: Simultane Aktionen in vier Isolationsräumen.

In der Performance turning talks zwängten sich vier internationale KünstlerInnen in eigens hierfür konstruierte Maschinen, um die ungeheure Einsamkeit des Autisten Sellin zu sprechen:

"Ich will kein in mich mehr sein" (Sellin 1993).

Textfragmente des autistischen Dichters Birger Sellin bilden eine szenische Collage.

Übertretungsprozesse: Simultane Aktionen in vier Isolationsräumen.

In der Performance turning talks zwängten sich vier internationale KünstlerInnen in eigens hierfür konstruierte Maschinen, um die ungeheure Einsamkeit des Autisten Sellin zu sprechen:
Eine Collage von Textmonologen mit starker Betonung des körperlich-performerischen Aspekts.

Premiere: 19. November 1999, Theater des Augenblicks
Weitere Aufführungen: 20.11. – 4.12.1999, TdA, Wien

Text: Birger Sellin
Idee: Gül Gürses
Gesamtkonzept und Regie: Gül Gürses, Jörg Weber
Dramaturgie und Übersetzung: Hakan Gürses

Schauspiel: Ayşe Dodanlı, Anna Dworak, Heike Keusch, Şevval Kılıç

Bühne: Kemal Seyhan
Technik: Andreas Pamperl, Willy Wysoudil

Um den vielschichtigen, unabgeschlossenen und konstruierten Charakter der Identitäten und ihren Bezug auf die soziale wie psychische Einsamkeit einfangen zu können, verhalfen (neben der norwegischen Schauspielerin Anna Dworak, die beim International Dance Laboratory Zyklus von Anfang an dabei war und der Schauspielerin Ayşe Dodanlı aus Istanbul) mit Heike Keusch (Wien) und Şevval Kılıç (Istanbul) zwei DarstellerInnen Sellins Texten Ausdruck, die aufgrund ihrer sexuellen Präferenz bzw. Geschlechtsidentität von der Norm "abweichen".