1993 DAS EPOS VON SCHEICH BEDREDDIN

nach NAZIM HIKMET
ein Entwurf von TUNCEL KURTIZ

DIE ÖKONOMISCHE, POLITISCHE, RELIGIÖSE, KULTURELLE UND INDIVIDUELLE FREIHEIT!

Scheich Bedreddin und seine Anhänger verschrieben sich einem klaren vorindustriellen Sozialismus, basierend auf der Brüderlichkeit der Menschen, der Einheit, alles Lebendigen und den alten Produktionsweisen der kleinasiatischen Regionen. Zur Erreichung ihrer Ziele und aus einem natürlichen Bewussstsein heraus taten sich Moslems, Christen, Juden und andere zusammen und kämpften für die Freiheit.

Premiere: 19. Feb. 1993, Theater des Augenblicks Weitere Aufführungen: bis 6. März 1993, TdA, Wien
Künstlerische Gesamtleitung. Gül Gürses
Regie, Schauspiel, Musik: Tuncel Kurtiz
Komposition, Bühnenmusik : Hans Tschiritsch

DarstellerInnen, Improvisation, Chor:
Heike Brinkmann
Claudia Drewitz
Elvira Ortiz
Barbara Schediwy
Ulrike Scherer
Ingrid Slavik
Zafer R. Yavcan
Tuncel Kurtiz

Bühne: Kemal Seyhan
Licht: Franz Staudinger
Kostüme: Vedia Bakircioglu
Produktionsleitung, PR: Markus Lidauer
Künstlerische Gesamtleitung: Gül Gürses

Theater des magischen Augenblicks

Wien - Theater in seinen besten Momenten kann ein wunderbar magischer Ort sein, wo man in den Bann eines fernen mythischen Geschehens gezogen wird. Tuncel Kurtiz, einer der profiliertesten Regisseure und Schauspieler der Türkei, schafft dies im Theater. des Augenblicks scheinbar mühelos mit den einfachsten Mitteln.
Für Das Epos. von Scheich Bedreddin nach Nazim Hikmet (1902 - l963), dem jahrzehntelang eingesperrten türkischen Nationaldichter, benötigt Kurtiz nur eine leere, kreisrunde Spielfläche, ein paar exotische Musikinstrumente (Hans Tschiritsch) und einen 7-köpfigen Frauenchor, freizügig verhüllt in nachtschwarze Nonnengewänder
Mit Kurtiz als Schamanen, einem traurigen Faun und Reiseleiter, der Geschichte tanzt, singt, stampft,. spricht, heult, hüpft und jammert, jubiliert sich der Chor durch das Leben' des Scheichs in den weiten; 'Hochebenen Anatoliens, durch die der Wind des 'Theaters' pfeift.
Der schillernde Türke und sein famoser Frauenchor erzählen das blutige Epos vom Bauernaufstand im 15. Jahrhundert unter Führung des Scheichs, mit nichts anderem als ihrem Körper, Stimme und Musik. Kurtiz nimmt dafür schamlos Anleihen bei (rituellen) Theaterformen aller Zeiten und Orte. Genauso wie er Bedreddins Vision eines freien Zusammenlebens von Moslems, Juden und Christen im Nahen Osten umsetzt, indem die Musik türkische, gregorianische und jüdische Choräle benützt.
Dies alles vermischt sich zu einem „Ritual für unsere Zeit“, einem „Theaterfest der Sinne.“
Lothar Lohs, Der Standard, 24. Feb. 1993