1992 Gao Xingjian: JA oder/ und NEIN

Übersetzung aus dem Chinesischen: Alexandra Hartmann

Eine Parabel über die Unfähigkeit zu leben und zu lieben.

Dem traditionellen Übergewicht der Sprache setzt Gao Xingjian in seinen Stücken den Tanz und die Musik entgegen. In das Sprechtheater integriert er Elemente aus dem asiatischen Musiktheater (insbesondere der Peking Oper), das traditionell sehr vielfältige Kunstformen (Tanz Akrobatik, Pantomime, Gesang, Rezitation) miteinander verbindet, um es mit den Formen des westlichen (erzählenden) Theaters zu kombinieren.

Zwei österreichische Schauspieler und ein chinesischer Tänzer konnten unter Xingjians Regie das Publikum überzeugen.

Premiere: 25. September 1992, Theater des Augenblicks
Weitere Aufführungen: bis 10. Oktober 1992, TdA, Wien

Cast
Regie, Bühnenbild: Gao Xingjian
Übersetzung aus dem Chinesischen: Alexandra Hartmann
Regieassistenz und Choreographie: Lin Yuanshang
Ausstattung und Grafik: Kemal Seyhan
Bühnenplastik: Anton Sever
Kostüme: Vedia Bakircioglu

Schauspiel: Karola Riedl, Hubert Wolf, Lin Yuanshang

Licht: Franz Staudinger
Ton: Otto Lechner
Produktionsleitung: Alexandra Hartmann
Koordination: Hanspeter Bergmann-Painschab
Finanzen und PR: Markus Lidauer
Technische Leitung: Klaus Kogelnig
Künstlerische Leitung: Gül Gürses

"Wie war's?" fragt die Frau. "Recht gut" antwortet der Mann. "Und für dich?"

So beginnt das neue Stück von Gao Xingjian. Man weiß, was gemeint ist. Und alles schiene vertraut, würde nicht ein buddhistischer Mönch auftreten, kahlgeschoren, eine Bettelschale in der Hand, der später auf einen Hölzernen Fisch, ein rituelles Instrument, einschlägt. Er wird eine Holzstange aufstellen und darauf vergebens ein Ei nach dem anderen aufzupflanzen versuchen.
Die Bilder, die der chinesische Dramatiker und Maler Gao Xingjian entwirft, pendeln. Sie pendeln zwischen einem entfremdeten Westen und dem fernen Asien. Gao knüpft an das "Absurde Theater" an, mit dem er sich Anfang der achtziger Jahre als erster in China auseinandersetzte. In überraschender Weise vermittelt er uns, wie nahe die Formen dieses Theaters jenen des traditionellen östlichen Theaters sein können.
In der Musik nennt man solche Sprünge über Distanzen hinweg modisch "Crossover". Im Theater ist uns bekannt, wie sich manche europäische Künstler asiatischer Formen bedienen, um zu einem neuen Ausdruck zu finden. Aber wir wissen kaum, mit welchem Blick andere unsere Formen der Kunst sehen und verarbeiten.
"JA oder/und NEIN" (1992) wird in Wien als Uraufführung in einer Inszenierung des Autors gezeigt. Es kreist um eine Frau und einen Mann. Eine alltägliche Geschichte. Eine Liebesgeschichte: banal, außerordentlich! Absurd in der Gegenüberstellung mit der Welt des Mönchs, der fast immer stumm bleibt. Ein Liebes- Spiel zwischen aufblühender Zartheit und tödlicher Brutalität, schwankend zwischen Chaos und Ordnung.

DAS THEATER DES GAO XINGJIAN
Dem traditionellen Übergewicht der Sprache setzt Gao Xingjian in seinen Stücken den Tanz und die Musik entgegen. In das Sprechtheater integriert er Elemente aus dem asiatischen Musiktheater (insbesondere der Peking- Oper), das traditionell sehr vielfältige Kunstformen (Tanz, Akrobatik, Pantomime, Gesang, Rezitation) miteinander verbindet, um es mit den Formen des westlichen (Erzählenden) Theaters zu kombinieren..
Um einen höheren Grad der Abstraktion und dadurch eine stärkere Konzentration auf die Darsteller zu erreichen, wird auf einer fast leeren Bühne gespielt


Gao Xingjian, geboren 1940, gilt in China als der bedeutendste "Avantgardist" unter jenen, die in den achtziger Jahren neue Wege in der Kunst gingen. Er zählt zu den ersten, die sich mit dem "Absurden Theater" auseinandersetzten. Er begann Essays über den Nouveau Roman zu schreiben und Stücke von lonesco ins Chinesische zu übersetzen. Bald folgten Stücke im Geist der Moderne, die das Regime gegen ihn aufbrachten und den Autor zur Zielscheibe ideologischer Kampagnen machten.
Gao Xingjian verbindet Tradition mit Moderne, asiatische Formen mit europäischen. Er wurde dadurch zum Sprachrohr einer neuen Kunst, die sich nicht mehr klar als das eine oder das andere klassifizieren läßt.
Mehrere seiner Stücke wurden auch in Europa aufgeführt, unter anderen "Der Wilde Mann" unter Jürgen Flimm am Thalia Theater Hamburg (1989) und "Die Busstation" vom "Wiener Unterhaltungstheater" in Wien (1990).
Seit 1989 lebt Gao Xingjian nun als politischer Flüchtling in Paris. Im Sommer 1992 wurde er vom Französischen Kulturminister Jack Lang mit der Auszeichnung "Chevalier de I'Ordre des Arts et des Lettres" geehrt