1991 Ali Ihsan Kaleci: NIEMAND AUF REISEN

Die Mythologie und ihre Logik sind Ausgangspunkt und Arbeitmaterial.

Am Anfang der Geschichte steht „Niemand“ - ein amorphes Wesen , eine unfertige, ja noch nicht einmal begonnene Figur, die von den Göttern freudig ergriffen wird, um auf die Suche nach der Lösung ihrer eigenen Konflikte zu gehen

Premiére: 22. Juni 1991 Tda, Wien
Weitere Aufführungen: Theater des Augenblicks, 23.06 – 13.07. 1991
Tournee: 1991
Theaterfestival Avignon und durch Italien


Idee: Gül Gürses
Regie: Gül Gürses, Ali Ihsan Kaleci
Produktion: Hikmet Kayhan
Schauspiel: Mustafa Avkıran, Fiona Battersby, Philippe Cohen, Stefan Doliwa, Shau Fon Lin, Yuan Shang Lin, Anja Mattner, Guilaume Van´t Hoff
Musik: Francesco Agnello, Maruf Cetiner
Bühnenbild: Kemal Seyhan
Kostüme: Erika Reimer
Licht: Robert Polak

zum Stück:

Ein Raum: abgeschlossen; ausgeschlossen von der Außenwelt, sachte seinen eigenen Traum, sein eigenes Leben lebend. Zwei Menschen: ein Vater, eine Tochter. Der Vater hat nur seine Geschichten, die Tochter nur ihre Sehnsüchte. Wie leise Traumbilder schweben die Ängste des Vaters, seine Furcht vor der Welt, zur Tochter.
Die Tochter ahnt nur das "Draußen", die Farben der Welt sind für sie nur Vorstellung. "Drinnen" sind nur die vier Wände, ein großes Schweigen. Und "Draußen"? - "Draußen" ist nur Dunkelheit, Sturm und Zerstörung. Doch mit jeder Kakerlake, die geboren wird in dieses Zimmer, in diesen Mikro-Kosmos, wächst die Sehnsucht, wird groß groß groß wie ein alles verschlingender Schmerz - Trost: nicht zu finden, un-auf-findbar. Die Puppe der Tochter, die alles aufnimmt, alles aufsaugt, jeden Schmerz, jeden Traum, jede Sehnsucht, schweigt, wartet auf den Anfang:
Am Anfang war das Wort.
Am Anfang war ein Niemand.
War bereit zum Mensch-Werden,
War bereit zum Mensch-Sein.
Doch lang und mühsam ist der Weg zum Sein; er fließt unter tausend Bögen durch, er fließt über tausend Scherben. Er fließt, fließt, fließt
zu Prometheus, zur Freiheit, zum Schmerz des Sehenden, zum Leiden des Hörenden;
zu Sisyphos, zum Widerstand, zur stillen Auflehnung, zum Sieg des Seins über den Willen der Götter;
zu Ikharos, zum Traum der Freiheit, zur Befreiung, zum Schein von Freiheit;
zu Hektor und Andromache, zur Liebe, zur Trennung, zum Tod, der jedes Leiden beendet, jede Frage beantwortet -
fließt, fließt, fließt,
bis er in den Ozean mündet, bis er Teil des Lebens wird.